Tessa & Mara · Aussichtsterrasse
Die Aussicht öffnete
um neun.
Acht Minuten vor der Öffnung, eine verschlossene Aussicht und Nebel mit bemerkenswertem Zeitgefühl.
Fiktive Geschichte · Mara tritt als Erzählfigur auf. Diese Textszene hat bewusst kein neues Szenenbild und beschreibt kein reales Erlebnis.
Um acht Uhr zweiundfünfzig standen Tessa und Mara vor einer Aussicht.
Genauer gesagt standen sie vor einem Gitter.
Hinter dem Gitter begann eine Treppe. Hinter der Treppe lag eine Terrasse. Hinter der Terrasse lag vermutlich die Aussicht.
Zu sehen war vor allem Nebel.
Am Gitter hing ein Schild.
AUSSICHTSTERRASSE · GEÖFFNET AB 9 UHR
„Die Aussicht schläft noch“, sagte Mara.
Tessa sah durch die Stäbe.
„Sie sieht schon ziemlich angezogen aus.“
Rechts neben dem Gitter war ein kleiner Kiosk geöffnet. Eine Frau stellte Pappbecher unter eine Kaffeemaschine.
„Zweimal Kaffee?“, fragte sie.
„Gern“, sagte Tessa. „Und einmal Aussicht.“
Die Frau blickte auf die Uhr.
„Ab neun.“
„Natürlich“, sagte Mara. „Kaffee ist Frühdienst. Landschaft kommt später.“
Sie nahmen die Becher und setzten sich auf eine Bank vor dem Gitter.
Die Bank blickte auf einen Parkplatz.
Der Parkplatz bot vier Autos, einen Lieferwagen und eine Mülltonne in guter Verfassung.
„Auch eine Aussicht“, sagte Tessa.
„Nur nicht die beworbene.“
Hinter dem Gitter erschien ein Mann in einer dunkelgrünen Jacke. Er schob einen breiten Abzieher über die gläserne Brüstung.
Mara hob die Hand.
Der Mann hob ebenfalls die Hand.
Dann putzte er weiter.
„Er darf schon sehen“, sagte Mara.
„Personalvorteil.“
Um acht Uhr fünfundfünfzig kam ein Paar mit Wanderstöcken.
Beide stellten sich direkt vor das Gitter.
Der Mann prüfte das Schloss.
Es blieb verschlossen.
Die Frau las das Schild.
„Ab neun.“
Der Mann prüfte das Schloss noch einmal.
Die Öffnungszeit blieb ebenfalls verschlossen.
Tessa nahm einen Schluck Kaffee.
„Vielleicht dachte er, das Schild blufft.“
„Es wirkt sehr selbstsicher.“
Neun Uhr
Pünktlich.
Fast nichts.
Um acht Uhr achtundfünfzig standen sieben Menschen vor dem Gitter.
Niemand hatte sich verabredet. Trotzdem bildeten sie eine Reihe.
Der Mann in der grünen Jacke verschwand hinter einer Tür.
Um acht Uhr neunundfünfzig kamen zwei weitere Menschen. Sie stellten sich hinter Tessa und Mara, obwohl die beiden noch immer auf der Bank saßen.
„Wir sind jetzt offenbar Teil der Schlange“, sagte Tessa.
„Im Sitzen. Das ist effizient.“
Die Kaffeemaschine zischte.
Ein Handy zeigte neun Uhr.
Im selben Moment klickte das Schloss.
Das Gitter schwang auf.
Die Reihe setzte sich in Bewegung.
Oben auf der Terrasse standen alle an der gläsernen Brüstung und blickten hinaus.
Der Nebel war inzwischen dichter geworden.
Er begann direkt vor dem Glas und endete nirgends erkennbar.
Die Frau mit den Wanderstöcken beugte sich vor.
„Was sieht man normalerweise von hier?“
Der Mann in der grünen Jacke deutete in das Weiß.
„Alles.“
„Und heute?“
„Dass es noch da ist.“
Tessa stellte ihren inzwischen lauwarmen Kaffee auf die Brüstung.
Mara sah auf die Uhr.
„Neun Uhr zwei.“
„Dann hat die Aussicht pünktlich geöffnet.“
„Nur der Inhalt verspätet sich.“
Sie blieben noch fünf Minuten.
Dann riss der Nebel für einen Augenblick auf. Ein Streifen Himmel, einige Dächer und ein ferner Hügel erschienen, als hätten sie sich gemeinsam für einen kurzen Auftritt entschieden.
Alle auf der Terrasse machten gleichzeitig einen Schritt nach vorn.
Eine Sekunde später war wieder alles weiß.
Tessa nahm ihren Becher.
„Das war knapp.“
„Aber innerhalb der Öffnungszeit“, sagte Mara.
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