Tessa & Mara · Kleines Bistro
Tisch zwölf hatte
einen Termin.
Ein fast leeres Bistro, ein reservierter Tisch und eine Verabredung mit bemerkenswertem Zeitgefühl.
Fiktive Geschichte · Mara tritt als Erzählfigur auf. Diese Textszene hat bewusst kein neues Szenenbild und beschreibt kein reales Erlebnis.
Im Bistro waren elf Tische frei.
Auf Tisch zwölf stand ein kleines Schild.
RESERVIERT, sagte es in goldenen Buchstaben.
„Der hat offenbar etwas vor“, sagte Mara.
Tessa zog den Mantel aus und sah sich um. Am Fenster standen drei freie Tische. Zwei weitere lagen an der Wand. Einer befand sich direkt neben einer großen Pflanze, die aussah, als hätte sie das Personalgespräch bereits hinter sich.
Eine Kellnerin kam mit zwei Speisekarten.
„Für zwei?“
„Das ist der Plan“, sagte Tessa.
Die Kellnerin blickte durch den leeren Raum. Dann auf Tisch zwölf.
„Nicht dort. Der ist reserviert.“
„Das Schild war überzeugend“, sagte Mara.
Sie bekamen Tisch elf.
Er stand fünfzehn Zentimeter neben Tisch zwölf und wackelte.
Tessa legte beide Hände auf die Platte.
Der Tisch antwortete mit einem kurzen Klack.
„Er ist gesprächig“, sagte Mara.
Die Kellnerin schob einen gefalteten Bierdeckel unter ein Tischbein.
„Jetzt müsste es gehen.“
Tessa prüfte vorsichtig.
Der Tisch schwieg.
„Er hat verstanden.“
Sie bestellten zwei Getränke und eine Portion Oliven.
„Die Küche macht erst in zwanzig Minuten auf“, sagte die Kellnerin.
„Wir haben Zeit“, sagte Tessa.
Tisch zwölf ebenfalls.
Die Minuten vergingen. Niemand kam.
Die Kellnerin brachte die Oliven und richtete das Reserviert-Schild ein wenig gerader aus.
„Um wie viel Uhr ist der Tisch reserviert?“, fragte Tessa.
„Achtzehn Uhr dreißig.“
Tessa sah auf ihre Uhr.
Es war achtzehn Uhr vierzig.
„Vielleicht ist die Reservierung schon da und sitzt woanders“, sagte Mara.
Die Kellnerin sah sich um.
Das Bistro blieb übersichtlich.
„Name?“, fragte Tessa.
Die Kellnerin hob das Schild an. Darunter lag ein kleiner Zettel.
„Kramer.“
„Vielleicht kommt Kramer grundsätzlich später“, sagte Mara.
„Manche Gäste haben ein festes Zeitgefühl“, sagte die Kellnerin.
„Welches?“
„Ihr eigenes.“
Um achtzehn Uhr fünfzig kam ein Mann herein.
Er blieb an der Tür stehen, sah zu Tisch zwölf und nickte knapp.
„Kramer?“, fragte die Kellnerin.
„Nein“, sagte der Mann. „Ich wollte nur wissen, ob Sie geöffnet haben.“
Er ging wieder.
Tessa nahm eine Olive.
„Das war eine sehr kurze Kundenbeziehung.“
„Aber klar beendet“, sagte Mara.
Die Verabredung
Pünktlich.
Nach eigener Rechnung.
Um neunzehn Uhr kam eine Frau herein.
Sie trug einen roten Schal und ging direkt zu Tisch zwölf.
Die Kellnerin lächelte erleichtert.
„Frau Kramer?“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber ich würde gern hier sitzen.“
„Der Tisch ist reserviert.“
Die Frau betrachtete das Schild.
„Seit wann?“
„Achtzehn Uhr dreißig.“
„Dann ist er ja fertig.“
Die Kellnerin überlegte.
Tessa sah zu Mara.
Mara sagte leise: „Das ist juristisch nicht ganz wasserdicht, aber praktisch sehr stark.“
Die Kellnerin nahm das Schild weg.
Die Frau setzte sich.
In diesem Moment klingelte das Telefon hinter dem Tresen.
Die Kellnerin ging ran.
„Ja? … Ja, Herr Kramer.“
Sie sah zu Tisch zwölf.
„Kein Problem. Dann morgen um achtzehn Uhr dreißig.“
Sie legte auf, nahm das Reserviert-Schild und stellte es wieder auf den Tisch.
Die Frau mit dem roten Schal blickte darauf.
„Morgen?“
„Morgen“, sagte die Kellnerin.
„Dann habe ich ja noch Zeit.“
Tessa hob ihr Glas.
„Auf Tisch zwölf.“
Mara hob ihres ebenfalls.
„Der einzige hier, der schon für morgen arbeitet.“
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