Tessa & Mara · Kleines Fundbüro
Der Handschuh war
noch nicht vermisst.
Ein schwarzer Handschuh, ein sehr vollständiges Formular und ein Fundstück ohne Aktenzeichen.
Fiktive Geschichte · Mara tritt als Erzählfigur auf. Diese Textszene hat bewusst kein neues Szenenbild und beschreibt kein reales Erlebnis.
Der schwarze Handschuh lag allein auf einer Bank.
Nicht dramatisch allein. Eher so, als warte er auf jemanden, der gleich zurückkam und eine nachvollziehbare Erklärung mitbrachte.
Tessa blieb stehen.
„Rechts oder links?“, fragte Mara.
Tessa hob ihn an zwei Fingern hoch.
„Rechts.“
„Dann fehlt ihm die bessere Hälfte.“
„Oder die linke.“
Das Fundbüro befand sich im Erdgeschoss eines niedrigen Verwaltungsgebäudes. An der Tür stand: BITTE NUMMER ZIEHEN.
Im Warteraum saß niemand.
Tessa zog Nummer 18.
Über dem einzigen Schalter leuchtete Nummer 18 auf.
„Das ging schnell“, sagte Mara.
„Wir waren offenbar sehr gut vorbereitet.“
Hinter dem Schalter nahm eine Frau den Handschuh entgegen und legte ein Formular daneben.
„Fundort?“
„Auf einer Bank.“
Die Frau wartete.
„Draußen“, ergänzte Tessa.
Die Frau wartete weiter.
Mara sah zum Fenster. „Das grenzt es räumlich ein.“
„Welche Bank?“, fragte die Frau.
Tessa beschrieb die Bank: dunkel, mit drei Holzlatten, neben einem Mülleimer.
Die Frau schrieb: BANK.
„Fundzeit?“
Tessa sah auf die Uhr.
„Vor ungefähr zwölf Minuten.“
Die Frau trug 19:08 Uhr ein.
„Es ist 19:17“, sagte Tessa.
„Sie sagten ungefähr.“
„Das stimmt.“
„Dann passt es.“
Als Nächstes kam die Gegenstandsbeschreibung.
Farbe: schwarz.
Art: Handschuh.
Anzahl: eins.
Besondere Merkmale: rechts.
Die Frau drehte den Handschuh um.
„Material?“
Tessa fühlte kurz über den Stoff. „Weich.“
Die Frau sah sie an.
„Das ist kein Material.“
„Aber ein belastbarer Eindruck.“
Mara beugte sich ein wenig näher. „Möglicherweise Wolle.“
Die Frau schrieb: TEXTIL, DUNKEL.
„Damit kann er nicht verwechselt werden“, sagte Tessa.
Hinter dem Schalter standen drei Regale. Im ersten lagen Taschen. Im zweiten standen Schirme. Das dritte enthielt Kisten mit Aufschriften wie SCHLÜSSEL, BRILLEN und SONSTIGES.
Auf der Kiste SONSTIGES lag ein einzelner gelber Gummistiefel.
„Der wartet schon länger“, sagte Mara.
„Vielleicht ist sein Formular noch nicht vollständig.“
Die Frau schob Tessa einen zweiten Bogen hin.
„Hier bestätigen Sie, dass Sie keine Rechte am Fundstück geltend machen.“
Tessa nahm den Stift.
„Welche Rechte hätte ich denn?“
„Nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist könnten Sie Eigentum erwerben.“
Tessa sah den Handschuh an.
„Nur den rechten?“
„Nur den abgegebenen Gegenstand.“
„Das wäre eine sehr einseitige Entwicklung.“
Sie unterschrieb.
Die Quittung
Abgegeben.
Mit Durchschlag.
Die Frau stempelte das Formular, trennte einen schmalen Durchschlag ab und reichte ihn Tessa.
Darauf stand: 1 HANDSCHUH, SCHWARZ, RECHTS.
Darunter: ZUSTAND UNBEKANNT.
„Er sah eigentlich ganz ordentlich aus“, sagte Tessa.
„Das Feld meint nicht diesen Zustand.“
„Welchen dann?“
„Den Vorgang.“
Tessa steckte die Quittung ein.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Ein Mann kam herein. An seiner linken Hand trug er einen schwarzen Handschuh. Die rechte Hand war nackt.
Er sah zum Schild und zog eine Nummer.
19.
Über dem Schalter leuchtete 19 auf.
„Das ging schnell“, sagte er.
Tessa und Mara traten zur Seite.
„Ich suche einen Handschuh“, sagte der Mann.
Die Frau nahm ein neues Formular.
„Rechts oder links?“
„Rechts.“
„Farbe?“
„Schwarz.“
„Material?“
Der Mann zögerte.
„Weich.“
Die Frau hob zum ersten Mal den Blick.
Tessa sagte leise zu Mara: „Ein belastbarer Eindruck.“
Draußen griff sie in ihre Tasche und zog die Quittung noch einmal heraus.
„Sollen wir warten, ob er ihn bekommt?“
Mara schüttelte den Kopf. „Der Handschuh ist jetzt in einem geregelten Verfahren.“
Tessa steckte den Zettel wieder ein.
„Gut. Dann wird er vermutlich spätestens morgen offiziell vermisst.“
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