Tessa Maren

Tessa & Mara · Kleine Museumsnacht

Nummer 47 hatte
bereits Pläne.

Ein Messingchip, ein sehr ordentliches System und ein Mantel mit eigener Nummer.

Fiktive Geschichte · Mara tritt als Erzählfigur auf. Diese Textszene hat bewusst kein neues Szenenbild und beschreibt kein reales Erlebnis.

Das kleine Museum schloss in zwei Stunden. Die Garderobe schloss nach eigener Einschätzung etwas früher.

Über der Ausgabe hing ein Schild: JACKEN NACH NUMMERN. Darunter stand in kleinerer Schrift: NUMMERN BITTE NICHT VERLIEREN.

„Das klingt, als seien die Nummern empfindlicher als die Jacken“, sagte Tessa.

Mara legte ihre Tasche auf den Tresen. „Vielleicht wissen sie, was sie wert sind.“

Die Garderobenfrau nahm Tessas Mantel, hängte ihn an einen freien Haken und schob einen runden Messingchip über den Tresen.

47.

Tessa betrachtete ihn von beiden Seiten.

„Er ist auf der Rückseite auch 47.“

„Ein solides Konzept.“

„Kein Raum für Entwicklung.“

Die Garderobenfrau sah kurz auf. „Bitte gut aufheben.“

Tessa steckte den Chip in die rechte Manteltasche.

Dann sah sie auf den leeren Haken.

Mara sagte nichts.

Tessa griff in die Luft, wo der Mantel eben noch gewesen war.

„Die andere rechte Tasche.“

Der Chip lag in ihrer Hand.

„Er wollte nur prüfen, ob du vorbereitet bist“, sagte Mara.

Im ersten Saal standen sechs Stühle vor einem einzigen kleinen Bild. Fünf waren frei. Auf dem sechsten saß ein Mann mit Audioguide und blickte so konzentriert, als müsse das Bild gleich eine Aussage korrigieren.

Tessa blieb vor der Beschriftung stehen.

„Ohne Titel“, las sie.

„Mutig“, sagte Mara.

„Oder noch nicht fertig.“

Der Audioguide des Mannes sagte leise: „Werk siebenundvierzig.“

Tessa zog den Messingchip aus der Tasche.

„Jetzt wird es persönlich.“

Sie gingen weiter. Werk zwölf war eine breite graue Fläche. Werk dreizehn bestand aus drei roten Linien. Werk vierzehn war vorübergehend nicht zu sehen, weil ein Schild davor stand: VORÜBERGEHEND NICHT ZU SEHEN.

„Das ist sehr konsequent“, sagte Tessa.

„Immerhin stimmt die Beschreibung.“

Im nächsten Raum zeigte ein Pfeil nach links: RUNDGANG.

Ein zweiter Pfeil zeigte nach rechts: WEITERER RUNDGANG.

Tessa blieb zwischen beiden stehen.

„Was ist der Unterschied?“

Mara betrachtete die Pfeile. „Der rechte klingt erfahrener.“

Sie gingen rechts.

Dort endete der Raum nach neun Schritten an einer Bank und einer Topfpflanze.

Auf der Bank lag ein Faltblatt mit dem Titel ORIENTIERUNG IM HAUS.

Tessa setzte sich.

„Das ist entweder Hilfe oder Humor.“

„In einem Museum darf es beides sein.“

Sie faltete den Plan auf. Die Garderobe war mit einem kleinen Kreis markiert. Daneben stand die Zahl 74.

Tessa legte Nummer 47 auf den Plan.

„Ich glaube, mein Mantel hat sich bereits weitergebildet.“

Die Ausgabe

Ordnung.
Nur andersherum.

Zwanzig Minuten vor Schluss kamen sie zur Garderobe zurück.

Tessa legte den Chip auf den Tresen.

Die Garderobenfrau nahm ihn, drehte ihn um und nickte.

„Vierundsiebzig.“

„Siebenundvierzig“, sagte Tessa.

Die Frau hielt den Chip gegen das Licht. „Von hier aus vierundsiebzig.“

Mara trat einen halben Schritt zur Seite. „Und von hier?“

„Auch.“

Die Frau ging an der Mantelreihe entlang. Bei Haken 47 hing ein kurzer gelber Regenmantel. Bei Haken 74 hing Tessas Mantel.

Sie brachte ihn zurück und legte den Chip daneben.

„Das System ist spiegelverkehrt.“

Tessa zog den Mantel an.

„Seit wann?“

„Seit wir den Tresen umgestellt haben.“

„Und wann war das?“

„Dienstag.“

Mara sah auf den Chip. „Dann hatte die 47 heute also frei.“

Die Garderobenfrau schob ihn in eine kleine Holzschale. „Morgen ist sie wieder dran.“

Draußen blieb Tessa vor der Glastür stehen.

„Wir waren im Museum, haben den weiteren Rundgang genommen und meinen Mantel an einer anderen Zahl gefunden.“

„Ein kulturell vollständiger Abend.“

Tessa steckte die Hände in die richtigen Taschen.

„Gut, dass wir die Nummer nicht verloren haben.“

„Welche?“

Tessa sah noch einmal durch die Tür zur Holzschale.

„Das entscheidet sie offenbar morgen.“

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